Timcke: „Nicht nur Daten für Story nehmen“

Marie-Louise Timcke ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Journocode UG. Seit 2017 ist sie Teil des preisgekrönten Interaktiv-Teams der Berliner Morgenpost. Wie die Arbeit dort abläuft, wie sie zum Programmieren gekommen ist, woher sie ihre Daten bezieht und was man mit ihnen niemals tun sollte, verrät die 25-Jährige in diesem JoCoView.

Fangen wir ganz vorne an: Wie waren deine ersten Programmierschritte?

Marie-Louise Timcke: „Das fing im Studium an. Zunächst habe ich Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund studiert. Da gab es dann einen neuen Schwerpunkt – den Datenjournalismus. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Studiengangs meinte, dass das doch etwas für mich sein könnte. So habe ich mit Vorlesungen in Statistik und „Programmierung in R“ begonnen. Ich hatte vorher gar keine Ahnung vom Coden – war aber sehr schnell davon begeistert.“

Und dann hast du Journocode mitbegründet und damit vor einigen Jahren schon den Bedarf gesehen, Journalismus und Programmierung zu verbinden. Wie kam’s?

„Ich habe durch die Kurse und mit der Programmiersprache R dann Daten beispielsweise in Form von Karten visualisiert. Kommilitonen fanden das so cool, dass sie immer wieder gefragt haben, ob ich ihnen das beibringen könnte. Das war am Anfang vor allem Lukas Hansen, mit dem ich mich dann getroffen und ihm einen Crashkurs gegeben habe. Das hat super geklappt und führte zu der Gründung eines wöchentlichen Meetups. Weil nicht immer alle zu den Treffen kommen konnten, entstand außerdem die Idee, alles, was wir uns beibringen und lernen, aufzuschreiben. Englisch und Online – damit so viele Menschen wie möglich etwas von den Tutorials haben. Die Gruppe ist schnell gewachsen. Zuerst kamen Kira SchachtMoritz Zajonz und Sophie Rotgeri, dann unser Designer Phil Ninh, später die Entwickler Elena Erdmann und Sakander Zirai. Voneinander haben wir viel Neues gelernt, Tutorials geschrieben und Projekte wie das Datenjournalismus-Wörterbuch gemacht. Mittlerweile ist die Initiative Journocode zur UG geworden, mit der wir auch professionelle Workshops geben.“

Dadurch ist auch die Idee für euer Datenjournalismus-Event „JournoCon“ entstanden, das am 24. März 2018 in Berlin stattfindet.

„Genau. Für unseren Journocode-Adventskalender 2017 wollten wir was Cooles hinter dem letzten Türchen haben. Moritz hatte dann die Idee, eine Einladung zu unserem ersten öffentlichen Workshop zu nehmen. Bei der Planung ist diese Idee dann zu einer eintägigen Konferenz angewachsen.“

Was wollt ihr dort weitergeben?

„Den Workflow im Datenteam – also von der Idee zum Daten finden bis zum Bereinigen, Analysieren und Visualisieren. Das Ganze soll einen Einblick in den Datenjournalismus liefern. Dabei sind alle willkommen: Sowohl Freelancer und Volontäre als auch Redakteure und Studierende, die vielleicht keine Redaktion im Rücken haben. Es wird Vorträge und Workshops geben, beispielsweise zeige ich die Programmierung in R. Wir würden uns freuen, wenn einige der Teilnehmer durch die Veranstaltung motiviert und inspiriert werden und danach mit dem Gelernten weitermachen.“

Provokant gefragt: Sollte jeder Journalist programmieren können?

„Nein, definitiv nicht. Aber ein gewisses Verständnis von Daten und IT haben schon – und das unabhängig vom Ressort. Beispielsweise sind Algorithmen immer wieder ein Thema, sei es bei der Polizei oder bei sozialen Netzwerken und Suchmaschinen. Ein Journalist kann da aber nicht richtig drüber berichten, wenn er gar nicht weiß, was ein Algorithmus ist.“

Seit März 2017 bist du als erste Datenjournalismus-Volontärin im Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost (MoPo) von Julius Tröger. Gemeinsam habt ihr schon einige preisgekrönte Projekte veröffentlicht. Wie ist der Arbeitsablauf bei euch?

„Ich finde super spannend, dass von Anfang an das gesamte Team an den Projekten mitarbeitet. Jeder kann seine Ideen einbringen und Themen diskutieren, auch die Entwickler oder andere Redakteure der MoPo. Erst wenn alle Teammitglieder sich einig sind, machen wir uns an ein Projekt. Alle unsere Stücke sind deshalb von Vorne bis Hinten Teamleistungen. Dabei ist es häufig so , dass Julius, André Pätzold und ich die Daten besorgen, während David Wendler das Design macht, das die Entwickler dann später umsetzen. Bei täglichen Konferenzen besprechen wir die Fortschritte und Aufgaben. Ich kümmere mich meistens um die Datenanalyse, schreibe aber auch immer öfter mit an den Texten.“

Stoßt ihr auch an Programmiergrenzen?

„Es gab Momente, in denen wir etwas nicht so umsetzen konnten, wie es ursprünglich geplant war. Aber wegen der Datengrundlage, die nicht detailliert oder valide genug war. Auch das Design, die Visualisierung kann sich zwischendurch mal ändern, weil es doch nicht so gut passt wie gedacht. Beim Programmieren gibt es immer viele Umsetzungswege, was mich auch so fasziniert. Irgendwie kommt man immer zum Ziel. Ich wüsste nicht, dass wir schonmal ein Projekt nicht machen konnten, weil es ein Programmierproblem gab. Moritz Klack und Christopher Möller setzen die interaktiven Anwendungen um, diskutieren beispielsweise auch, wie große Datenbanken dann doch online schnell laden. Das wird aber alles schon vorher genau geplant und wenn mal was nicht so funktioniert hat, wie es sollte, haben sie bisher immer einen alternativen Weg gefunden.“

Woher bekommst du deine Daten?

„Ganz unterschiedlich: Viel bekommen wir vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, dem Statischen Bundesamt (destatis) oder anderen Ämtern. Da heißt es dann auch viel telefonieren und nachfragen, zum Beispiel ob bei Daten verschiedener Ämter die gleiche Erhebungsgrundlage vorliegt. Für Geodaten haben wir auch schon OpenStreetMap benutzt. Wir haben aber im Internet auch schon Daten gescrapet – je nach Geschichte.“

Auf Twitter heißt du „Datentäterin“ – was darf man aber mit Daten nicht tun?

„Für die gesamte Story nur Daten nehmen. In Daten lassen sich tolle Geschichten finden, aber es gilt auch hier das journalistische Zwei-Quellen-Prinzip. Und Daten sind nur eine Quelle, auch wenn man zwei Datensätze verwendet. Denn Daten sind keine Fakten, Statistiken keine Beweise. Es sind eher Hinweise, mit der eine Hypothese verworfen werden kann. Deshalb müssen für eine Geschichte natürlich weiterhin zusätzliche Quellen herangezogen und Interviews geführt werden um zu überprüfen, ob der Hinweis in den Daten auch in der Realität bestätigt werden kann.“

Wie erlebst du derzeit den Datenjournalismus in Deutschland?

„Extrem unterschiedlich was Themen und Umsetzung angeht, genau wie die Zusammensetzung der dazugehörigen Teams. Aber das finde ich auch sehr spannend. Schade ist aktuell allerdings, dass es in vielen Regionen in Deutschland kein Datenteam gibt. Oft kümmert sich nur eine Person nebenbei um diesen Aufgabenbereich – wenn überhaupt. Mit Datenjournalismus kann man großartige investigative und interaktive Geschichten machen, aber das benötigt Zeit und verschiedene Skills, die nur schwer in einer Person vereint werden und nicht über Nacht erlernt werden können. Deshalb haben wir uns bei Journocode auch auf die Fahne geschrieben, dass wir jedem Interessierten – sowohl Volontären als auch Redakteuren – datenjournalistische Fähigkeiten vermitteln möchten.“

2017 war ja generell ein besonderes Jahr für dich – auch, weil du mit „30 unter 30“ vom Medium Magazin ausgezeichnet wurdest. Damit gehörst du zu den Top-Journalisten Deutschlands. Überrascht?

„Ja, das hätte ich nicht gedacht. Julius Tröger und Martin Hoffmann („Resi“-App) haben mich soweit ich weiß vorgeschlagen. Das war eine große Ehre und die Verleihung ein sehr cooles Event. Ich habe viele inspirierende Leute kennengelernt, die unterschiedliche Projekte abseits des Datenjournalismus gemacht haben. Das war wirklich aufregend! Und die Auszeichnung war ein zusätzlicher Motivationsschub, weil sie zeigt, dass die Richtung die richtige ist.“

Hast du einen Tipp für jemanden, der mit dem Programmieren anfangen möchte?

„Das ist ganz von der Person abhängig. Kira hat sich beispielsweise ein Buch über die Programmierung mit R gekauft und das durchgearbeitet. Ich kann so aber nicht so gut lernen. Deshalb von mir ausgehend der Tipp: Suche dir ein Projekt, dass schon jemand gemacht hat und versuche das mit einer Programmiersprache deiner Wahl umzusetzen. Frag Freunde, Google, Stackoverflow oder den Autoren selbst. Ja, es dauert Stunden und Tage und kann sehr frustrierend sein. Aber: Am Ende hast du ein Projekt umgesetzt und dabei viel gelernt. Praktika sind ebenfalls sinnvoll. Ich war beispielsweise beim SRF-Data in Zürich und konnte von Timo Großenbacher viel über das Programmieren in R lernen.“

Weil ich mich das immer gefragt habe: Journocode hat als Logo ein Eichhörnchen. In eurem Adventskalender-Comic zur Entstehung des gesamten Projekts, erklärt ihr, dass die Farbe Türkis ist, weil du die am liebsten magst. Wieso aber das Eichhörnchen?

„Bevor wir ‚Journocode‘ hießen, hatten wir erst überlegt uns ‚HipsteR‘ zu nennen – ein schlechter R-Wortwitz. Das erste Logo war dann ursprünglich mal eine Brille. Bei dem ersten Treffen haben wir den Namen dann aber direkt verworfen und über Nacht, ganz begeistert von der Idee, eine Tutorialwebsite erstellt. Dabei haben wir auch angefangen ein Logo zu zeichnen. Irgendwie waren wir schnell bei einem Tier, hatten erst überlegt das geflügelte Nashorn zu nehmen, weil das typisch für Dortmund ist, wo wir zu der Zeit gerade studiert haben. Dann hat Kira losgezeichnet und es wurde ein Eichhörnchen. Das war so süß, das wir es unbedingt haben wollten. Eine Erklärung ergab sich erst danach: Es ist fleißig und sammelt Nüsse, wie wir Daten. Man muss nur außer Acht lassen, dass ein Eichhörnchen die Nüsse dann wieder vergräbt und im schlimmsten Fall vergisst.“


Was ist Journocode? Auf ihrer Homepage erklärt Marie-Louise Timcke das Projekt wie folgt: „Im Oktober 2015 haben Kommilitonen und ich Journocode gegründet – ein BarCamp für Datenjournalismus- und Programmierbegeisterte in Dortmund. Zwei Jahre später gehen wir nun den nächsten Schritt und bieten als Journocode UG Workshops und Seminare an.“ Außerdem befinden sich auf der dazugehörigen Internetseite hilfreiche ddj-Tools und ein Glossar, in dem die wichtigsten Datenjournalismus-Begriffe erklärt werden.


Weitere Journocoder im JoCoView:

Quelle Beitragsbild: Marie-Louise Timcke

4 Gedanken zu „Timcke: „Nicht nur Daten für Story nehmen“

Kommentar verfassen