Manuel Mohr: „Geschichte muss im Mittelpunkt stehen“

Manuel Mohr (30) ist Datenjournalist im BR Data-Team und bei MDR SACHSEN-ANHALT. Im ersten „JoCoView“ (Mischung aus Journalist, Coder und Interview) gibt er einen Einblick in seine Arbeit, seine Faszination für Daten und die Beziehung von Journalismus und Programmierung.

Vervollständige den Satz: Guten Datenjournalismus macht für mich aus,…

Manuel Mohr:  „…, dass die Geschichte immer noch im Mittelpunkt steht. Ich höre oft von Leuten, die sich noch nicht so intensiv mit dem Datenjournalismus auseinandergesetzt haben, dass beispielsweise die Karte im Artikel schick aussieht. Dabei ist der Datenjournalismus keine Gattung, sondern eher eine Recherchemethode. Deshalb sollte der Fokus darauf liegen, dem User etwas zu vermitteln.“

Wieso hast du dich für diese Journalismus-Richtung entschieden?

„Das hat sich so ergeben. Ich habe ‚Angewandte Medienwissenschaften‘ an der TU Illmenau studiert und hatte da zwei Semester Journalismus. Im Oktober 2010 hat dann alles so richtig mit einem Praktikum beim MDR Fernsehen in Leipzig angefangen. Später habe ich mein crossmediales Volo bei der Journalistenschule ifp in München gemacht. Über eine Initiativ-Bewerbung bin ich ins Web-Innovationsteam des Bayerischen Rundfunk gekommen. Dort habe ich gemerkt, dass der Datenjournalismus ein sehr spannendes Feld ist – für alle Ausspielarten. Seit 2014 bin ich dort im Datenteam, das sich im Juni 2015 offiziell als BR Data gegründet hat. Außerdem arbeite ich in der Online-Redaktion des MDR Sachsen-Anhalt.“

Was fasziniert dich so an Daten?

„Das Spannendste ist, wenn man noch keine Daten hat, sich die besorgt, analysiert und plötzlich Besonderheiten entdeckt. Einen Treffer im Datensatz finden, auf den man gehofft oder mit dem man gar nicht gerechnet hat.“

Wie sieht ein Arbeitstag bei dir im Datenteam aus?

„Jeder Tag ist anders. Was aber immer gleich abläuft sind folgende Schritte: Ich recherchiere, woher ich einen validen Datensatz bekomme und mache mir eine Kopie davon in Excel, das Original taste ich nicht an. Nach der Beschaffung der Daten bereinige ich sie oder reichere sie mit Informationen an. Danach analysiere ich sie und schreibe meine Ergebnisse auf ein A4-Blatt. Im Anschluss überlege ich mit Kollegen, wie wir ein Thema für Online, TV und Radio umsetzen und ob eine Grafik benötigt wird – und wenn ja, welche.“

Woher bekommst du deine Daten hauptsächlich?

„Daten über Demographie, Einkommen – sozusagen die Basics – erhält man vom Landesamt für Statistik oder vom statistischen Bundesamt. Da gibt es vieles auf der Homepage, ansonsten kann man auch nachfragen. Die Mitarbeiter helfen immer weiter. Ich habe mich bei einem Thema mal auf eine alte parlamentarische Anfrage im Landtag über Wildunfälle bezogen und dann bei den Ministerien nachgefragt, wie sie das aufgeschlüsselt haben. Das sind alles Behördenzahlen. Bei anderen Themen muss man schauen, welche speziellen Vereine oder Organisationen es gibt.“

 Welche Tools nutzt du für die Aufbereitung der Daten?

„Beim BR haben wir die Aufgaben im Datenteam aufgeteilt, so dass es Entwickler gibt, die beispielsweise mit der JavaScript-Bibliothek D3 interaktive und individuelle Grafiken selbst programmieren. Wenn ich aktuelle Wochendienste beim MDR Sachsen-Anhalt mache, nutze ich beispielsweise Datawrapper, Karten oder der Grafiker im Haus selbst setzt zeitnah etwas um. Aber: Die Visualisierung muss Sinn machen.“

Kann man deiner Meinung nach alle Daten graphisch aufbereiten?

„In der Recherchephase ist erst einmal so gut wie alles erlaubt. Da kann man Visualisierungen ausprobieren. Bei der Veröffentlichung muss das Ganze einen Mehrwert haben, zum Beispiel macht die Grafik einen Anstieg deutlich und die visuelle Wahrnehmung ist besser als ein Erklärtext. Ich sehe aber auch immer wieder Visualisierungen, die es nicht gebraucht hätte.“

Welche Dinge sollte man mit Daten niemals tun?

„Man sollte sich den Pressecodex bewusst machen. Auch über Daten – und die sind sehr anfällig dafür – sollte der Datenjournalist ausgewogen und nicht tendenziös berichten. Außerdem darf er ihre Aussagekraft nicht missbrauchen oder verwässern, da Statistiken und Grafiken immer erst einmal seriös aussehen. Auch bei den Visualisierungen selbst kann man viel falsch machen, zum Beispiel durch das Beschneiden der Y-Achse. Dadurch können Werte schwerwiegender aussehen, als sie eigentlich sind. Deshalb ist es auch hier wichtig, die journalistischen Grundsätze zu beachten.“

Programmierst du auch?

„Ich kann mit HTML umgehen, zum Beispiel das Grundlegende, wie Texte und Bilder einfügen. Außerdem habe ich vor kurzem einen kostenlosen Python-Kurs gemacht und mich mit einem Journalisten-Kollegen zusammengesetzt. Gemeinsam haben wir uns im Jupyter-Notebook angeschaut, wie Grafiken reproduzierbar werden können, indem nur das Skript durchlaufen werden muss. Außerdem probiere ich Tools wie import.io zum Scrapen aus.“

Journalismus und Programmierung – passt das für dich zusammen?

„Das passt super zusammen. Die Programmierfähigkeit kann eine Recherchefähigkeit sein, zum Beispiel wenn ich selbst einen Scraper programmieren kann, um Daten zu finden. Außerdem lassen sich damit Grafiken bauen. Datenjournalismus ist aber auch ohne Programmieren zu können möglich.“

Wo siehst du diese Beziehung in der Zukunft?

„In die Wahrsagerkugel gesprochen – und das ist nur meine Meinung: . Datenjournalismus-Teams haben sich jetzt schon in Deutschland etabliert. Mit Programmierkenntnissen kann man sich unentbehrlich machen, weil damit Geschichten möglich sind, die andere nicht einfach umsetzen können. Das wird den Journalismus zukünftig aber nicht komplett verändern. Ich hoffe aber natürlich auch aus Eigeninteresse, dass sich der Datenjournalismus in der Branche festigt.“

Quelle Beitragsbild: Manuel Mohr

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