TinkerToys-Gründer: „Die sagen alle, man kann damit nur Spielzeug drucken, aber keiner macht das“

Sebastian Friedrich hat vor fünf Jahren mit zwei Kollegen das Unternehmen „TinkerToys“ gegründet. Sie ermöglichen Kindern und Erwachsenen eigenes Spielzeug herzustellen, das dann in 3D gedruckt wird. Ich durfte Sebastian in Leipzig besuchen und mit ihm einen eigenen Spielzeug-Pinguin bauen (siehe Video). Neben dem großen Spaßfaktor, kann man das 3D-Tool von TinkerToys auch für den Unterricht nutzen. Im Interview gibt er einen Einblick.

Wie bist du auf die Idee gekommen, TinkerToys zu gründen?

Sebastian Friedrich: „Dazu muss man wissen, dass ich eigentlich Wirtschaftsingenieur für Produktionstechnik bin und das in Magdeburg studiert habe. Normalerweise würde ich also beispielsweise eine Fabrik planen, in der Automobil-Branche arbeiten oder Unternehmen beraten. Ich wollte ursprünglich in die Unternehmensberater-Richtung gehen und mit dem Geld, das man da verdient, so nach drei Jahren etwa eine Firma gründen. Das war also schon immer in mir drin. Ich habe während meines Studiums auch schon immer in kleinen Start-Ups gearbeitet, wo man viel bewegen konnte, wo ich gesehen haben: Das will ich später auch machen.“

Und wieso dann 3D-gedrucktes Spielzeug zum Selbermachen?

„Am Ende meines Studiums habe ich an der Uni das „FabLab“ mit aufgebaut. Das ist so eine Art Kreativwerkstatt für Studenten. Eine der Technologien, die es da gab, war eben auch 3D-Druck. Das fand ich super spannend, weil die Bandbreite da so groß war. Weil theoretisch kannst du mit einem 3D-Drucker alles produzieren. Es ist nur die Frage: Passt das Material und wie kommst du zu den 3D-Dateien? Parallel dazu habe ich in Leipzig in einer Unternehmensberatung gearbeitet und meine Diplomarbeit geschrieben. Dort habe ich meine späteren Mitgründer kennengelernt. Gleichzeitig hatte ich das FabLab und habe mit dem 3D-Drucker rumprobiert. Mit Marko habe ich bei der Unternehmensberatung jemanden gehabt, mit dem ich meine Idee besprechen konnte. Als erstes hatten wir die Idee damit individuelle Schuhsohlen zu machen, weil es cool wäre, wenn der Schuh immer passt. Damals war die Technik mit den kleinen, günstigeren 3D-Druckern noch nicht so weit. Das wurde also immer etwas belächelt, was wir so gemacht haben. Wir mit unseren kleinen Maschinen, die so kleine, bunte Sachen gedruckt haben. Häufig hat das nicht funktioniert und dann kam da bunter Müll raus. Und dann haben wir sehr oft gehört: ‚Das ist doch alles nichts, damit kann man doch nur Spielzeug machen.‘ Irgendwann habe ich Marko abends angerufen und gesagt: ‚Marko, die sagen alle, man kann damit nur Spielzeug drucken, aber keiner macht das. Lass uns überlegen, was man machen muss, damit man sinnvoll Spielzeug 3D drucken kann.'“

Und die gesuchte Lösung habt ihr gefunden?

„Eigentlich macht es keinen Sinn, denn 3D drucken dauert relativ lange. Wir brauchen für ein Spielzeug immer noch drei bis vier Stunden. Und es ist auf das Spielzeug gerechnet immer noch recht teuer. Es ist also nicht vergleichbar mit den massenproduzierten Lego-Bausteinen. ABER: Wenn dein Spielzeug ein Unikat ist und es hat dadurch für dich einen besonders großen Wert, weil du es selbst gemacht hast, dann macht es Sinn, es 3D zu drucken. Weil es das eben nur ein Mal gibt und dann ist es auch wieder günstig im Vergleich. Das heißt, wir brauchten nur noch eine Software mit der wir Kindern zeigen konnten, wie sie ihr Spielzeug selber bauen können. Und damit war die Grundidee für TinkerToys geboren.“

Und die Software habt ihr dann selbst programmiert?

„Genau, allerdings nicht gleich am Anfang. Im ersten Jahr haben wir nur die Idee getestet. Dafür haben wir eine Software genommen, die es bereits am Markt gab – mit den Nachteilen, die sie auch hat. Wir sind viel in Schulen unterwegs gewesen und haben geschaut, ob das Kindern überhaupt Spaß macht. Weil es hätte ja genauso gut sein können, dass alle Kids sagen: ‚Warum soll ich mich selber ’ne Stunde hinsetzen und konstruieren, dann ’ne Woche warten bis das fertig ist? Ich kann auch einfach in den Spielzeugladen gehen und nehme ein Auto, das es im Regal gibt.‘ Wie sich aber gezeigt hat, hat das Kindern Spaß gemacht. Das hat uns bestätigt, das weiter zu verfolgen. Das heißt: Wir haben eine Finanzierungsrunde gemacht, Gründerstipendium, Business-Plan geschrieben, einen Entwickler eingestellt und dann eben auch unsere eigene Software entwickelt. Und das eben vor allem mit den Erfahrungen aus dem ersten Jahr.“


Info zur TinkerToys-3D-Software:

Auf der TinkerToys-Homepage bekommst du Zugang zu der hier beschriebenen Software, die du auch im Video siehst. Sie heißt dort „Digitaler Baukasten“ und kann entweder direkt im Browser nach Registrierung kostenlos genutzt oder für iOS- und Android-Tablets gedownloadet werden. Die Software kann so also nicht nur in Leipzig bei TinkerToys genutzt werden, sondern beispielsweise auch in Schulen. Wie das aussehen und so 3D-Druck in den Unterricht integriert werden kann, beschreibt Sebastian Friedrich im weiteren Verlauf des Interviews.

Für Schulen und andere Interessierte gibt es neben der kostenlosen, privaten Version auch eine kostenpflichtige Lizenz-Option (auch auf der Homepage), die Schüler- und Lehrerkonten beinhaltet, so dass sich Schüler*innen nicht mit einer E-Mail-Adresse anmelden müssen. Laut Sebastian Friedrich sind dort auch die Tracking-Funktionen ausgeschaltet, so dass die Version Datenschutz-konform für den Einsatz in der Schule ist.



Wie kann man eure Spielzeug-Idee pädagogisch in der Schule einsetzen?

„Wie bereits erklärt, haben wir das Ganze damals in der Schule getestet und kommen damit sozusagen von dort. Wir verpacken das immer im Gewand des Spielzeugs, weil das etwas ist, was bei den Kindern ganz nah an der Lebenswirklichkeit ist. Die haben alle Spielzeug und freuen sich, wenn sie das selbst machen dürfen. Aber du hast ja auch gemerkt, während du das gebaut hast, dass du nicht einfach sagst: ‚Ich will einen Vogel bauen, der Flügel soll blau sein.‘ Sondern du konstruierst wirklich. In vielen Bundesländern gibt es in der 7. Klasse ‚Technisches Zeichnen‘. Einige der Schüler lernen da dann auch, wie man ein Produkt entwickelt. Wir sind der Meinung: Man kann da viel, viel früher ansetzen. Gerade mit den digitalen Methoden, die man eben hat – mit Software, mit digitaler Produktion, mit VR oder AR, mit eben 3D-Druck – eigene Dinge darzustellen. Wir hatten damit auch schon Projekte in der Vorschule, bei denen sie mittels digitaler Methoden Geometrie lernen oder räumliches Vorstellungsvermögen. Du musst dir vorstellen: Für ein Kind im Vorschulalter ist es enorm herausfordernd ein Dreieck auf einen Würfel zu setzen, um ein Haus zu bauen. Und wenn du das einfach ausprobieren und zum Beispiel mit dem Finger die Kamera drehen kannst, so dass du lernst, was eine Perspektive ist, und das Ganze dann vielleicht auch schief und krumm ausdruckst, hast du einen sehr guten Lerneffekt dabei. Wenn du früh anfängst, kannst du in der 7. Klasse, wo du jetzt „Technisches Zeichnen“ hast, viel komplexere Dinge bauen und bist schon viel weiter.“

Aber wie habt ihr das praktisch umgesetzt? Habt ihr eure 3D-Drucker mit an die Schulen genommen? Ich habe so das Gefühl, dass viele Schulen keinen haben.

„Es sind doch mehr als man denkt. Diese große Welle für 3D-Druck, die Geräte kosten nur noch 1.000 Euro, die war ja schon vor drei bis vier Jahren. Dementsprechend gab es da auch viele Hardware-Hersteller mit guten Vertrieblern, die durch Deutschland gezogen sind und den Schulen auch 3D-Drucker verkauft haben. Das Problem war aber, dass es da nie ein pädagogisches Konzept für gab und keine Software, die es den Kindern ermöglicht hat, das kreativ zu nutzen. Das heißt, wir haben jetzt aktuell doch recht viele Schulen, mit denen wir sprechen, die einen 3D-Drucker haben, der aber in der Ecke steht. Ich war vor ein paar Wochen beim Stiftungsgymnasium in Magdeburg. Wir sind gerade dabei, mit ihnen Unterrichtsmaterialien zu entwickeln, die für ihren Lehrplan angepasst sind und einen Nutzen für ihren 3D-Drucker bringt.“


Spiele im Unterricht:

Nicht nur Technologien, wie 3D-Druck und Spielzeuge, können Teil des Unterrichts sein. Auf der Netzwerktagung in Halle (23. Oktober) durfte ich das Panel „Computerspiele und digitale Spielekultur – Games als jugendkulturelles Phänomen?“ moderieren. Mit fünf Experten habe ich darüber gesprochen, wie Computerspiele in den Unterricht integriert werden können. Das könnt ihr euch im „Digital leben“-Podcast von MDR SACHSEN-ANHALT anhören.



Wir führen ja gerade unser Interview, während mein Spielzeug-Pinguin im Nebenraum druckt. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass eine Klasse 23 Schüler*innen und nur einen 3D-Drucker hat – wie macht man das zeitlich?

„Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben in der Nähe von Hannover eine Schule, die kooperiert mit dem VDI [Anmerkung: Verein Deutscher Ingenieure]. Die haben beispielsweise ein ‚Jugend entdeckt Technik‘-Zentrum. Deshalb haben sie fünf 3D-Drucker. Bei ihnen geht das relativ schnell, auch eine größere Klasse da durchzubringen. Das ist aber natürlich nicht der Normalfall. Meistens haben die Schulen, wenn überhaupt, einen 3D-Drucker. Du kannst die Software aber auch nutzen, um für VR- oder AR-Technologien Dateien zu exportieren. Das heißt: Wir haben viele Projekte, wo wir konstruieren und uns dann die Sachen in VR oder AR anschauen. Das ist vergleichsweise einfach: Du nimmst ein Smartphone und Google Cardboard. Das ist keine 1.000 Investition, sondern ein Smartphone, das sowieso schon da ist und ein bisschen Pappe. Und dann wird in der Regel eins oder drei ausgewählt, die irgendeine Art von Wettbewerb gewonnen haben und dann ausgedruckt. In manchen Schulen ist es so, dass beispielsweise der Hausmeister den 3D-Drucker betreut und der druckt dann wirklich jeden Tag und dann dauert das zwei, drei Wochen bis das fertig ist.“

Stellen wir uns mal vor, ich wäre Lehrerin, habe aber an meiner Schule keinen 3D-Drucker. Ich interessiere mich aber total dafür. Würdet ihr dann auch mit euren Druckern bei mir an der Schule vorbeikommen oder kann ich mit meiner Klasse zu euch?

„In der Region Magdeburg und Leipzig gibt es Schulen, die bei uns vorbeikommen. Wir fahren für Workshops aber auch raus, im Zweifelsfall auch bundesweit und bieten auch Fortbildungen und Schulungen für Lehrer an. Immer in Absprache mit den jeweiligen Institutionen. Wir sind da sehr, sehr offen. Am besten schreibt man uns eine E-Mail, was man vor hat und dann besprechen wir alles weitere.“



Du hast noch Fragen, Anregungen oder Feedback zu TinkerToys und dem 3D-Drucken? Gerne – immer her damit! Entweder als Kommentar unter diesen Blog-Eintrag, per E-Mail (johanna.daher@gmx.de), via Kontaktformular oder über die sozialen Kanäle. Ich leite eure Fragen auch gerne an Sebastian weiter.

Quelle Beitragsbild: Johanna Daher

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